Eierschalenstimmung

Ich fühle mich wie eine Eierschale: dünn, zerbrechlich und ängstlich und lieber zurückhaltend, ganz, als würde ich dauernd zum Schutz meine Hände vor das Gesicht halten und den Kopf zwischen die Schultern ziehen. Ich fühle mich von allem und jedem angegriffen, mein Selbstvertrauen rennt irgendwo nackig über die Wiese – ohne mich. Neben mir nölt mein Bruder (und Chef…) wie schlecht es ihm geht (so wie eigentlich jeden Tag) und der Rest der Kollegen nölt über den Chef. Bei mir, statt es ihm selbst zu sagen. Am Liebsten würde ich das Megafon nehmen, in die Halle stehen und ihnen allen sagen, wie sehr sie mich gernhaben können. Dafür reicht mein kläglicher Rest an Energie dann wohl noch: mich abgenervt fühlen.

Läuft. Rückwärts und bergab, aber läuft.

Ich überlege also an was es heute fehlt. Es ist gar nicht so einfach zu beschreiben, wie die Symptome aussehen, um an die Ursache zu kommen. Ich fühle mich, als hätte meine Hülle Risse, ich bin nicht in mir selbst zentriert und ausgeglichen, in meinem Kopf scheint ein Schwarm Vögel zu flattern und meine Mitte fühlt sich seltsam leer an. Ich möchte wirklich, dass jemand kommt und mich in den Arm nimmt. Warum? Weiß ich nicht. Die Freude fehlt. Das, was mich sonst mit Energie vibrieren lässt.

Was tun, was tun?

Mein Bauch ist seltsam ruhig. Keine Stimme die mir Anleitung gibt. Das bringt mich fast am Meisten durcheinander und lässt mich ein bisschen panisch fühlen. Ich weiß, dass sie da ist, die Stimme. Aber die Leitung klemmt. Weil die Freude und die Liebe fehlen.

Pause, ich brauche Pause. Also stehe ich vor die Halle um ein wenig Sonne zu tanken. Stark ist sie nicht. Eigentlich fühlt sie sich eher so an wie meine Hülle. Zart und warm, aber nicht kraftvoll und nährend. Egal. Ich stelle mir vor, wie die Strahlen meine Hülle verstärken und das fühlt sich gut an.

Der HU-Prüfer kommt mir entgegen. Nach normalen Maßstäben kennen wir uns fast gar nicht. Ich weiß wie er heißt, was er beruflich macht und das war es auch schon.Wir sehen uns pro Woche ungefähr 10 Minuten, wenn er bei mir an der Kasse Geld abholt. Und doch fühlt es sich so an, als würden wir uns ewig kennen. Er stellt sich neben mich, so, dass unsere Schultern sich berühren und so stehen wir wortlos. Und es fühlt sich gut an.

Pause zu Ende, wieder ins Büro. Nach einem Sonnenbad ist humane Photosynthese unter Neonlicht so fake wie ein Push-Up BH: Kaum weg, erwischt dich die Erdanziehungskraft doppelt so hart und du knallst ungebremst auf den Boden der Tatsachen. Der Gedanke deprimiert mich und das bisschen Energie, das mir die Sonne gegeben hat, sickert an meinem Stuhl entlang in den Boden. Die Kundschaft hat heute Urlaub und deswegen super Laune. Ich hätte Laune denen eine reinzuhauen.

Nebeneinander sitzen wir da, mein Bruder und ich, artig im rechten Winkel zueinander. „Was für ein scheiss Tag.“, entfährt es mir und ich möchte mir für meine verbale Inkontinenz wirklich selber eine reinhauen. Jetzt wird sein Gejammer noch lauter, wetten?

Aber es kommt anders wie gedacht: „Irgendwann machen wir den Laden einfach zu und hauen ab. Geschwisterdrück?“, sagt er und ich glaube erst, ich habe mich verhört. Geschwisterdrück ist die Umarmung, bei der wir quasi versuchen dem anderen die Rippen zu brechen, so feste ist das. Das ist selten und es fühlt sich mega gut an.

Danach sitzen wir nebeneinander an einem Schreibtisch und mein Bruder baut ein „Himmel oder Hölle“ Spiel und wir stellen Fragen und blödeln und es ist fast wie früher.

geschwister grausam
Lang, lang ist es her…

Der HU-Prüfer kommt dazu und stellt auch Fragen. Und da ist es: ein freudiges, lachendes Blubbern in meinem Bauch, dass mir sogar in den Fingerspitzen kribbelt. So sitzen wir da, zu dritt, und stellen dumme Fragen und lachen, bis wir keine Luft mehr bekommen und wie gestörte Robben auf unsere Oberschenkel klatschen, ohne dass ein Ton aus dem Mund kommt.

Jeder der zur Tür herein kommt, darf eine Frage an das Himmel oder Hölle Orakel stellen. Es ist wunderbar zu beobachten wie Alle sich darüber freuen, egal wie alt jemand ist.

Es fühlt sich an, als würde der ganze Raum vibrieren, vor lauter Lachen und Freude. Und da ist sie wieder: Die Stimme im Bauch und sie lacht mit, ganz laut.

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3 Kommentare auf "Eierschalenstimmung"

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Zeffiretta
Gast

Ganz toll und subtil beschrieben. Nach Eierschalenvorbild…

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[…] kleines Tief am Montag war dann wie ein Weckruf: Wenn ich es nicht mehr schaffe, Energie aus den Wurzeln meines Selbst zu […]

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