Elastic Heart – von Trauer und Schmerz

HAPPY holidays

Wir holten Castor Minou de Mario in Landsberg am Lech, wo der nächste Züchter für Kartäuser saß. 1.400 Euro für eine Katze – mein Vater zeigte uns den Vogel, Mama und ich feierten.

Castor Minou de Mario war ein beschissener Name, mega Stammbaum hin oder her, bei uns hieß er Momo. Oder General Momeloff oder Mozi (nach Mozart) oder eben Möhni. Möhner war schon fast ein Jahr alt und ganz schön umtriebig. Er saß unten am Fußende vom Bett, lüpfte die Decke mit einer Kralle, um nach unseren Füßen zu schlagen, so bald sie sich bewegten. Er sprang vom Bücherregal auf Mutters Rücken und krallte sich fest, warf Sachen vom Regal, mit Absicht, legte sich auf dem Frühstückstisch auf Vaters Zeitung, das Ende im Backofen wurde ihm oft angedroht.

Er war eine ziemliche Arschlochkatze – und mein bester Freund.

Er wartete auf mich, wenn ich von der Schule kam und legte sich beim Hausaufgaben machen neben das Buch und schnurrte vor sich hin. Er liebte Schmatzer auf seinen flachen Schädel, wir konnten das stundenlang machen, meistens machte ich vor ihm schlapp und hatte keinen Bock mehr. Nach der Knutscherei musste ich meine Arme zu einem Kreis formen, damit er mitten rein liegen und seinen Kopf in meine Hand legen konnte. Als ich mit meinem ersten Freund Schluss machte, weinte ich in sein Fell und er putzte mir die Haare – für Katzen ein Zeichen tiefster Zuneigung.

Möhn wurde älter und ruhiger. Und zuletzt er wurde noch ein bisschen ruhiger, verbrachte die meiste Zeit schlafend auf der Mikrowelle.

Und jetzt ist er tot.

Nach zwei Wochen ohne zu fressen und zu trinken hat er endlich aufgegeben, der zähe Hund. Es war schrecklich, ihm beim Sterben zuzusehen, am Samstag betete ich zu allen Göttern, dass er es endlich hinter sich bringen würde  – für ihn selbst und für uns. Wir wollten ihn bereits vor zwei Wochen einschläfern lassen, die Tierärztin weigerte sich und wollte ihn für 2.000 Euro in den CT schieben, drohte, uns wegen Tierquälerei anzuzeigen. Da nahmen wir ihn wieder mit.

Warum ihm noch Schmerzen zufügen und sein Leiden ein bisschen verlängern?

Es gibt eine Zeit, um zu kämpfen und sich zu sträuben, und eine Zeit, wo man den Dingen einfach ihren Lauf lassen muss. Noch nie vorher hatte ich das so klar erkannt: manchmal ist Aufgeben die beste Option.

Als letztes Jahr meine Tante an Lungenkrebs starb, da tat das weh. Ich weinte und weinte, vor allem aus Wut, weil sie gegangen war, ohne das wir diverse Probleme aus der Welt geschafft hatten. Ich dachte, ich könnte das irgendwie unberührt durchstehen, mit meiner Wut, bis dann der Anruf kam und ich als heulendes Wrack am Boden saß.

Aber das am Samstag? Das war purer Schmerz. Wenn ich nicht weinte, lachte ich über mich selbst. Ich war der festen Überzeugung, den Verstand zu verlieren. Wegen einer Katze so ein Drama? Ermagherd. Aber er war mein bester Freund.

Glaubt ihr, dass man es spürt, wenn jemand der einem sehr viel bedeutet, stirbt? Ich jetzt schon.

Um neun Uhr Abends, der Mann schlief schon, platzte der Deckel wieder runter und nichts konnte mich mehr halten. Ich wollte den Mann nicht wecken, also weinte ich in meine Decke und flehte das Universum an, mir ein Zeichen zu geben, wie ich damit umgehen sollte. Da war ein Brennen in der Mitte meines Brustkorbs, das wie ein Ring ein Loch einfasste, das strudelnder Schmerz war. Ich wusste, das war es jetzt, jetzt ist er tot.

Der Schmerz steigerte sich, bis ich schreien wollte. Auf mein Zeichen wartete ich immer noch vergebens, bis mein Tablet aufleuchtete und ein Freund mir eine Nachricht schrieb: „Dankbarkeit wird unterschätzt.“, stand da und mir fiel es wie Schuppen von den Augen, auch wenn er das ganz anders gemeint hatte.

Ich stand auf und ging ins Wohnzimmer, wo Binsepops Brüllkäfer (ihr Name ist eigentlich Brinny, aber hey…) mich argwöhnisch aus ihrem Nest heraus beobachtete. Ich legte meinen Kopf zu ihr auf die Decke, streichelte sie und hörte nur ihrem Schnurren zu. Eine viertel Stunde saßen wir so und ich lernte, mich auf die Dankbarkeit zu konzentrieren, statt auf den Schmerz. Dankbarkeit für 16 Jahre Freundschaft mit Möhn und Dankbarkeit für mittlerweile acht Jahre Freundschaft mit meiner eigenen Katze (die goddammit durch unendliche Liebe unsterblich ist, klar?!).

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Frau Brüllkäfer – keine Katze redet so viel wie sie

Um elf war ich fertig, mein Herz seltsam leer, da war nur noch erschöpftes Rauschen in der Brust. Aber ich konnte wieder lächeln und ich überlegte, was für ein komisches Teil doch unser Herz ist.

Unglaublich elastisch kann es von Schmerz in alle Richtungen gezogen werden, ohne letztlich zu brechen. Manchmal scheint es vor Freude fast aus dem Brustkorb zu hüpfen, ohne sich zu dabei aber zu überschlagen. Und manchmal gibt es ein leises „ping“ und die Scherben fallen auseinander, ohne Ankündigung.

Am Samstag Abend um halb neun war es wirklich vorbei. Möhn wird sein letztes Nest in Mutters Garten finden, wo er unter meinem Rosenbäumchen begraben wird. Ich weiß nicht, ob es das bei euch auch gibt, aber hier im Allgäu ist es Tradition, dass ein gepflanztes Rosenbäumchen für die Tochter ihr einen guten Ehemann und viele gesunde Kinder wünscht. Das wird gehegt und gepflegt, denn wenn es eingeht, dann ist das ein schlechtes Omen. Gestorbene Haustiere darunter zu begraben ist wohl eher ungewöhnlich, aber mir gefällt der Gedanke, dass er dort ist und schläft.

Es ist komisch, jetzt in die Wohnung meiner Mutter zu kommen. Kein Katzenspielzeug, keine Nester mit schlafenden Katzen, keine schnurrende Begrüßung. Es fehlt sehr. Mom schwört, dass nun nichts mehr ins Haus kommt. Das hat sie auch gesagt, bevor wir Möhn geholt haben, als damals Butzos und Enu von uns gegangen sind. Mein Antrag auf einen Hamster wurde jedenfalls erst einmal abgelehnt.

Mal sehen, wie lange sie diesmal durchhält. Crazy Cat Lady bleibt eben Crazy Cat Lady.

Den Beitrag, den ich für heute geplant habe, werde ich morgen Abend veröffentlichen.

Ich habe heute Abend ein Loch zu graben, unter einem Rosenbäumchen.

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15 Kommentare auf "Elastic Heart – von Trauer und Schmerz"

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Chan Nagoya
Gast

R.I.P.

patriziagruber
Gast

RIP

patriziagruber
Gast

Ich möchte noch erwähnen, dass ich den Mut, über deine Gefühle öffentlich zu scheiben geliked habe. Es tut mir sehr leid.

toe
Gast

Ich freue mich, dass du an der Erfahrung gewachsen bist. Jedes Leben muss mal enden und ich hoffe ich lerne aus dem Abschied von meiner Arschkatze so gut wie du.
MfG toe

Glück der kleinen Dinge
Gast

Lass dich mal ganz fest in den Arm nehmen!!!!!!

moteens
Gast

Mein herzliches Beileid! Erst wenn man ein eigenes Tier hat, denke ich, kann man nachvollziehen, wie stark man mit einem Tier verbunden sein kann. Oftmals ist eine Bindung zu einem Tier viel stärker, weil sie einfach ehrlich ist. Ich habe selbst eine Hündin und will gar nicht daran denken, dass sie irgendwann von uns gehen wird…

Anny Page
Gast

In Gedanken knuddel ich dich grad…mein herzliches Beileid..wie schön so lange einen Begleiter gehabt zu haben, der so vielseitig war….denk an die lustigen schönen gemeinsame Momente zurück….kussi

Quasseltasche
Gast

Mein herzliches Beileid!!!! Eine große Umarmung und eine Tasse Tee für Dich 🙂 Ich kann Deine Emotionen total verstehen. Danke fürs Teilen.

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[…] meinen Möhn. Ihr erinnert euch bestimmt an meinen besten Freund, von dem ich mich nach 15 Jahren verabschieden musste (und jetzt heule ich schon […]

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