Esoterik, Placebos und mein Kopf

engel

Helft mir bitte Gedanken sortieren!

Gestern bin ich auf ein Esoterikforum gestoßen, und es hat (leider) eine Welle an Überlegungen und Zeug aus meinen Gehirnwindungen los getreten und ich weiß nicht, wohin mit dem ganzen Stoff, wo ich doch schon gar nicht mehr weiß, welches Buch ich überhaupt zuerst lesen soll und was ich als Nächstes mache, und überhaupt. Duuuh, ich bin sehr verwirrt und frustriert, also lade ich hier jetzt mal ab.

Fuck, was dieses Esoterik-Forum als Fundgrube zu bieten hatte… Episch!

Thematisch wird da alles besprochen, was das Esoteriker-Herz begehren könnte. Heilkristalle, Engel, Energiearbeit, wie Reiki, Homöopathie, Heilkräuter, Channeling, Weissagung, und weiß der Geier was alles noch. Ich war im Skeptikerhimmel!

Besonders interessant fand ich, wie sehr die einzelnen „Heilerfraktionen“ sich gegenseitig Beschimpfen. Da wettern die Kristallfreunde gegen die Essenztrinker, die Tarotleute gegen die Kräuterhexer und die Reikis gegen die Steinstreichler und die Schamanen sind eh nur dauerbedröhnte Junkies. Es ist lustig und traurig zugleich. Als Skeptiker und Placeboverehrer schwelgt man da im 7. Kartoffelhimmel.

In einem Thread über „Engelstinkturen“ stieß ich dann auf die Kommentare von zwei Userinnen, die mich in meinem allgemeinen Gelächter wieder daran erinnerten, warum ich Esoterik nicht per se als Unfug abtun würde, solange sie nicht nur dazu benutzt wird, Leichtgläubigen möglichst viele Euros aus der Tasche zu ziehen: mein geliebter Placeboeffekt!



Murmelchen und Leminta sprachen das aus, was mir im Grunde schon lange durch den Kopf geht: Wenn es mir nachweisbar (!!) hilft, warum auch immer, ist es dann nicht gerechtfertigt, egal, wie wissenschaftlich abwegig es ist?

Bei uns Bogenschützen gibt es ein Credo: Wer trifft, hat recht. Das heißt, solange die Grundhaltung passt, kannst du die Pfeile ins Gold bescheissen, wie du willst. Hauptsache, sie landen da in der Mitte der Scheibe.

Gilt das nicht auch für Placebos?

Der Placeboeffekt gefällt mir einfach. Ich mag nicht unbedingt Medikamente, weil die immer Nebenwirkungen haben, und mehr, als uns Verbrauchern erzählt wird. Ganz ohne „Heilung“ geht es aber auch nicht, man braucht einfach einen Schubser in die richtige Richtung.

Unser Körper – top oder flop?

Ingenieurstechnisch gesehen, ist der menschliche Körper eine Fehlkonstruktion: wir laufen auf zwei- statt vier Beinen, was von Natur aus instabil ist und uns einen Haufen „Technik“ zur Bewältigung abverlangt. Eben diese Technik sitzt einen halben Meter auseinander: einmal der Schwerpunkt im Sakralgelenk und der Gleichgewichtssinn sitzt oben im Ohr, ausgerechnet in einem Anbauteil, das recht gut für Verletzung zugänglich außerhalb des Schädels sitzt und nach außen hin offen ist. Wie behindert ist das denn?! Unsere Gelenke sind zu diffizil, instabil und verschleißanfällig, das hätte besser gelöst werden können. Und zu guter Letzt sitzt das wichtigste Anbauteil, das Gehirn, in einer Nusschale wobbelnd auf einem fehleranfälligen, dünnen Stock aus Wirbelgliedern und alle überlebenswichtigen Funktionen werden über Reizleitungen gesteuert, die in diesen Stock eingewickelt sind, und reißen ab, wenn dieser Stock bricht. Da ist dann nicht nur ein leichtes „Unwohl“ fühlen, sondern da ist Feierabend. What. the. fuck, Mother Nature? Wie wäre es mit ein bisschen mehr Gas bei der Anpassung?

Andererseits beginnen wir gerade erst zu verstehen, welche Wunder der Körper auch beherbergt und dass er in seiner Serienausstattung eigentlich alles mitbringt, was er brauchen könnte. Nehmen wir unser Immunsystem: dass es ab und zu am Rad dreht und dumme Sachen macht, liegt daran, dass wir es gerne vergessen und durch allgemeinen Eingriff in natürliche Prozesse (Kaiserschnitt statt natürliche Geburt) und späteres schleifen lassen der Pflege (schlechte Ernährung, alles muss antibakteriell sein, etc.), einfach kaputt machen und durcheinander bringen. Ohne unseren Bullshit, den es ertragen muss, könnte es aber sogar das Wunder der natürlichen Krebsprävention vollbringen. Wir haben großartige Zellen: eine Art, die durchdrehende Körperzellen, die Tumoren produzieren, erkennt und mit einem Eiweiß markiert und noch großartigere Fresszellen, die durch dieses Markereiweiß angefixt werden und die Zellen  fressen. Ist das nicht awesome? Einfach *tumor markiert*, Fresszelle kommt, *nom nom nom*, Krebs verhindert. Leute, das ist Serienausstattung, nur wollen wir sie offenbar nicht, weil die Pflege anstrengend wäre! (Interessantes dazu bietet das Buch „Der Biophilia Effekt“ von Clemens G. Arvay, wer da mehr wissen will)

Stell dir vor, du kaufst einen nagelneuen Porsche 911. Du stehst vor dem Werk und schaust in die Fertigungsstraße, und der Produktionsleiter steht neben dir und zeigt auf ein Auto: „Das ist Ihrer! Sieht der nicht super aus? Nur noch die abschließende Versiegelung vom Lack und Sie können Ihr Glanzstück mit nach Hause nehmen!“ Nur dass das Versiegeln von Hand erledigt wird, anstrengend ist und zeitintensiv. Dabei kannst du es gar nicht erwarten und bettelst, dass das schneller geht. Der Produktionsleiter nickt, und du siehst, wie vor der Versiegelung ein Weißkittel das Auto vom Band zieht, und neben der Spur raus fährt. „Alles super, zwar nicht versiegelt, aber das muss auch so gehen.“, erklärt der Produktioner und du steigst glücklich ein, um über die Autobahn zu brettern. Doch ganz schnell merkst du, wie bei der Geschwindigkeit der Lack zu blättern anfängt und matt und hässlich wird.

Was tust du? Geht in Ordnung? Oder fährst du sofort zurück und schiebst die Karre rückwärts wieder in die Produktionsgasse?

Yeah, bei Kindern machen wir das nicht so. Ob sie nun ihr Immunsystem für Anfänger als Versiegelung haben, oder nicht.

Was hat das mit Esoterik zu tun? Gar nichts eigentlich, ich bin nur einfach ein bisschen verwirrter, verrückter Professor, oder so.

Was ich sagen will ist, dass wir alles mit an Bord haben, was wir brauchen – wir müssen es nur zu Nutzen wissen. Der Körper an sich kann Wunder vollbringen, der Geist ist ein schlechter Herr, aber ein noch besserer Diener, der den Körper effizient steuern kann, wenn man nur weiß, wie man die Lage beherrscht.

Aber das ist schwierig, verfickt schwierig, sogar.

Tagesbewusstsein vs. Unterbewusstsein

Nimmt man das normale Tagesbewusstsein und seinen Kumpel, das Unterbewusstsein, dann ist das Tagesbewusstsein ein Jet-Ski und das Unterbewusstsein ein schwerfälliges U-Boot.

Das Tagesbewusstsein fällt Entscheidungen, kann in Sekundenschnelle neue Wege einschlagen, ist wendig und schnell. Dort finden unsere täglichen Unterhaltungen mit uns selbst statt, wir haben direkte Möglichkeiten zur Beeinflussung. Das Unterbewusstsein ist das genaue Gegenteil: es ist langsam, mag stabile Systeme, die über längere Zeiträume nicht zu drohendem Tod geführt haben, hasst Veränderung und kann nicht direkt angesprochen werden. Und an diesem behäbigen U-Boot hängt an einem Seil das Tagesbewusstsein.

Während das Tagesbewusstsein durch die Gegend brettert, blubbert das U-Boot so vor sich hin und denkt „Jup, mach du ruhig, mal sehen, wie weit du kommst.“ und wartet nur darauf, dass das Seil sich spannt, und das Tagesbewusstein wieder zurück reißt, weil es gegen das U-Boot keine Chance hat. Deswegen funktionieren Diäten für etwa zwei Wochen so gut, und dann hat man doch wieder den Burger in der Hand und denkt sich „Alter, wo kommst du denn her?“. Herzliche Grüße aus deinem Unterbewusstsein – es hat beschlossen, dass Gemüse den regelmäßigen Kalorienhaushalt zu sehr nach unten schraubt und Anweisung gegeben, die Energievesorgung für die Warp-Geschwindigkeit wiederherzustellen.

Der Jet-Ski denkt, das U-Boot lenkt. So sieht das aus. Wenn wir es also nicht schaffen, unserem Unterbewusstsein ein deutliches Signal zu geben, dass es, verdammt nochmal, seinen Scheiss unter Kontrolle bringen soll, weil wir das jetzt so machen, dann nützt uns die ganze Denkerei und Entscheiderei nichts.

Aber wie Nachrichten ans Unterbewusstsein schicken?

Da finde ich die Esoterik nicht schlecht.

Ein Placebo funktioniert so lange, wie ich von der Wirkung überzeugt bin. D. h., kommt einer, und sagt mir, dass ich nur verarscht wurde, kann es sehr wohl sein, dass der Placeboeffekt sofort aufhört und vielleicht sogar rückgängig gemacht wird, weil ich nun der festen Überzeugung bin, immer noch krank zu sein, weil ich keine richtigen Medikamente bekommen habe.

Diese Realisation ist so traumatisch, dass das in der Psyche einschlägt, das Unterbewusstsein richtig in Alarm versetzt, und sofort entsprechende Effekte auslöst. Nun ist es nun mal so, dass die negativen Dinge immer viel heftiger einschlagen, als die Positiven. Die brauchen richtig lange, bis die durchgedrückt sind. Ca. zwei Wochen, sagt man, bis von der Pflicht zur Angewohnheit wird. Das wiederum heißt, das Unterbewusstsein hat es dann auch kapiert.

Wir schalten und walten im Tagesbewusstsein. Dauernd das Unterbewusstsein zu Veränderung anzuweisen ist anstrengend, zeitraubend und eigentlich sehr umständlich. Viel effektiver geht das mit Symbolen und Bildern, die dem Unterbewusstsein verlockende Signale senden. Es mag nicht angebrüllt werden, sondern sich selbst dazu entschließen, etwas zu machen.

Übertragung ans Unterbewusstsein

 

Besonders im psychischen Bereich sind Symbole irgendwie ziemlich geil. Nehmen wir Angstzustände. Ich hatte früher riesige Panik, um etwas zu bitten. Entweder habe ich dafür gesorgt, dass ich die Situation komplett meiden konnte, oder ich habe mich auf Teufel komm raus dazu gezwungen, es einfach durchzuziehen. Egal, ob es mir dabei unheimlich schlecht ging.

Meine Nichte macht das besser. Sie steht unheimlich auf Kyle Gray, den Engelflüsterer (der heißt echt so, ich hab nachgeschaut). Ich bin nicht sicher, ob das an 12-jährigen, beginnenden Pubertätshormonen und seinen Tattoos liegt, oder ob sie ihm die Engel echt abkauft, jedenfalls hat sie seit Neuestem Schutzengel an ihrer Seite.

Meine Nichte ist ebenfalls angstgeplagt. Sie hat Angst, es ihrer Mama nicht recht machen zu können. Diese Angst ist nicht ganz unbegründet, viel wichtiger ist aber, wie sie dank ihrer Engel gelernt hat, damit umzugehen.

Vor einigen Monaten waren wir Schuhe kaufen und konnten nicht entscheiden, welches Paar Mama gefallen würden. Als ich sie darauf hinwies, dass sie selbst die Schuhe tragen müsste, und nicht Mama, liefen ihr beinahe die Tränen über die Wangen, vor lauter Panik. Wir kauften keine Schuhe. Am Samstag waren wir wieder einkaufen. Wieder Schuhe, der zweite Versuch, sozusagen. Ich fragte sie, ob sie schon wüsste, was Mama sich vorstellen würde. Die Antwort hätte erstaunlicher nicht ausfallen können: „Ich habe meine Engel dabei. Sie sagen, ich kann mir aussuchen was ich will und sie werden mir sagen, wie ich es Mama erklären kann, wenn es Ärger gibt.“

………….. Häh?

Mir ging kurz durch den Kopf, dass es nicht unbedingt gesund sein könnte, dass eine Zwölfjährige mit Engeln spricht und sie für real hält. Dann ging mir durch den Kopf, welch gute Stressbewältigung das eigentlich ist. Natürlich flüstern ihr keine Lichtwesen ins Ohr, sondern es ist vielmehr ihre Intuition, die ihr rät, was zu tun ist. Sie hört letztlich auf sich selbst, nicht auf irgendeinen geflügelten, schwertschwingenden Hanswurst.

Ich war beruhigt, machte mir eine interne Notiz, das zu verfolgen, damit es nicht in krankhafte Spinnerei ausartet. Und ich war erstaunt, wie leicht es ihr plötzlich fiel, Schuhe zu kaufen. Wir marschierten in den Laden, sie suchte sie das knalligste pinke Paar mit silber-glitzer Feenstaub und Blinkies in den Sohlen aus, Tante Lulu durfte bezahlen und dann gingen wir Kakao trinken und sie war dermaßen grundentspannt, dass ich meinte, sie würde gleich bewusstlos umfallen.

I’m fucking impressed!

Mademoiselle Isabell wünscht sich jetzt noch „Engelskerzen“. Sie will die selber machen. Je eine Kerze für einen Engel, mit dessen Farbe, dessen Symbol, welches die Fähigkeiten des jeweiligen Engels repräsentiert. Aha. Damit das Ganze noch ein bisschen besser wird, soll Tante Lulu passende Öle sponsern und auch ganze Kräuterteile, die oben mit Glitzer drauf gestreut werden – das Kind macht keine halben Sachen. Jedenfalls geht es darum, immer dann eine passende Kerze anzuzünden, wenn eine Situation mit Hilfe der Engel angegangen werden soll. Prüfungen, zum Beispiel. Missy weiß einen Haufen Zeug über Engel, ich habe vor, sie auszuquetschen. Es hat sich herausgestellt, dass sie Zeitschriften und Bücher hortet, wie ihre olle Tante.  Herr im Himmel, ich liebe dieses Kind.

Ich ertappe mich dabei, wie ich Engelkerzen haben möchte. Es gibt bestimmt einen für Geduld und einen für besseres zwischenmenschliches Verstehen – ich brauche das. Mögen die Engel mich davon abhalten, unliebsame Kundschaft über den Tresen zu ziehen.

Ihr versteht, worauf ich hinaus will, oder? Mich soll der Schlag treffen, wenn es Lichtwesen gibt, die einen umschweben, aber als Symbol an das Unterbewusstsein sind sie awesome. Du brauchst mehr Mut? Whatevs, Erzengel Gabriel (oder wer auch immer von dem Haufen) kommt mit seinem Schwert zur Verteidigung. Und sobald er da ist, kann die Party anfangen!

Es funktioniert wohl ähnlich wie Schokolade. Man ist der festen Überzeugung, sobald die Schokolade im Mund ist, geht es einem drölfzigmillionen Prozent besser, als ohne Schokolade. Tatsächlich schaut man die Schokolade an und das Wasser läuft einem schon im Mund zusammen und es ist wissenschaftlich bewiesen, dass allein die Vorstellung schon dafür sorgt, dass die Zentrale Glückshormone ausschütten lässt. Weshalb sollte also die Vorstellung von Engeln nicht dafür sorgen, dass man sich gestärkt und zuversichtlich fühlt? Wer trifft, hat recht.

Ich habe das Gefühl, Esoterik ist nichts weiter als ein spirituelles Placebo. Aber es funktioniert offenbar. Und so schlecht kann es wohl dann nicht sein.

Ich mag Placebos und wohl auch Engel. Ihr auch?

xoxo

Lüchen

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7 Kommentare auf "Esoterik, Placebos und mein Kopf"

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Glück der kleinen Dinge
Gast

*Schmunzelnd auf meinem Dreiradmodell von Körper mit Placebo-Kalorien-Schokolade auf Engel wartend, die mich vom Kauf rosaner Glitzerschuhe abhalten*

Soooo viele spannende Infos grandios verpackt. Ich lese gleich nochmal von vorn!!!!!

toe
Gast

Ist vermutlich auch mit den tibetischen Gottheiten so, so von der Methode her. Oder christlichen Heiligenkult.
MfG toe

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