Herzgedanken 2 und anderes

alleinsein-und-einsamkeit

Ihr Lieben,

es gibt so viele Fragen zu den Herzgedanken, da haben wir ein echtes Wespennest gefunden! 🙂 Nachdem ich mit Anny ja schon darüber gesprochen habe, dass ich selbst nicht so recht weiß, warum ich überhaupt so sehr auf meine, ich nenne es jetzt mal „Herzzeit“, bestehe, habe ich mir nochmal Gedanken zum Thema gemacht. Also, eigentlich kamen sie ein wenig ungebeten, als ich (natürlich) schlafen w(s)ollte, was gestern dazu geführt hat, dass ich eine halbe Stunde verschlafen habe. #duh  Erklärt das mal dem Boss! „Ich hab verschlafen weil… ich nachdenken musste. Über Herzgedanken.“ Ahhh ja.

Viele haben auf Facebook und per Mail gefragt, wie man weiß, dass, bzw. wann, man Herzgedanken hat. Das ist schwierig zu beantworten, denn ich habe das Gefühl, jeder interpretiert das ein wenig anders. Es kamen so viele verschiedene Anregungen dazu, dass ich erst einmal ganz erstaunt war, aus wie vielen verschiedenen Perspektiven man das betrachten kann. Deswegen findet man zu diesem Thema wohl keinen richtigen Abschluss, aber vielleicht kann ich heute einige Fragen beantworten, indem ich davon erzähle, was Herzgedanken für mich ausmachen.

Heftig diskutiert wurde darüber, ob eine solche Auszeit nicht doch am Rande von Depression entlang schrammt. Wie Jim Kopf in seinem Kommentar ja schon anmerkte, ist es katastrophal, dass so viele davon ausgehen, es wäre schlecht, allein sein zu wollen und ein sicheres Anzeichen von Depression. Nun, IST ES NICHT! Warum nicht? Es gibt einen sehr starken Unterschied in der Motivation des allein-sein-wollens.

Depressives allein sein wollen sagt: „Ich bin unglücklich und kann im Moment einfach nicht nachvollziehen, weshalb sozialer Umgang positiv und erstrebenswert sein sollte. Misery is my company, und eure um meiner Willen zur Schau gestellte Fröhlichkeit deprimiert mich nur noch mehr. Morgen vielleicht, aber eher nein. Trotzdem danke.“ Dieses alleine sein ist destruktiv, ermüdend und leidvoll. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass sozialer Umgang in einer depressiven Phase absolut gut ist, um wenigstens für ein paar Stündchen abgelenkt zu sein. Natürlich ist das fucking anstrengend, und man hat überhaupt keinen Bock dazu, weil alle nur nerven und man irgendwie meint, man wäre falsch abgebogen und im falschen Film, aber meistens lässt man sich dann doch irgendwie anstecken – und wenn man nur die Mundwinkel kurz verzieht! Progress has been made!

Herzgedanken sind in ihrer Motivation und Energie positiv, aufbauend und belebend. Sie sagen „Ich und meine Gedanken. Du störst gerade (sorry, I’m not sorry), ich schau nachher vorbei, wenn ich hier fertig bin. Wann genau? Keine Ahnung. Wenn halt fertig ist.“ Sie sind Kreativität und gleichzeitig Nichts. Eine Art Meditation. Ein lebendiger Fluss an Zufriedenheit und Hirnfürzen, die das Versprechen von epischen Ideen beherbergen und kommen und auch wieder gehen dürfen. Herzgedanken sind Genuss. Egoistische Auszeit, wo es nur darum geht, sich selbst zu genießen, das Leben zu bejahen und zu atmen. Denn das ist genug. In diesem Moment bist du komplett, brauchst du nur dich selbst.

Auch ein interessanter Gedanke: Haben introvertierte Menschen automatisch mehr Herzgedanken? Oder andere? Mmh.

Glaube ich nicht. Introvertierte Menschen neigen dazu, mehr in sich selbst hinein zu horchen. Vielen extrovertierten Menschen würde eine Scheibe davon sehr gut tun. Aber hat das was mit Herzgedanken zu tun? Ich könnte mir vorstellen, dass sie vielleicht detaillierter sind und dass sie sich mehr Zeit dafür nehmen. Aber die Leitung anzapfen, das ist wie ein natürlicher Prozess und hat bei Schwierigkeiten wohl eher mit plain, old Zeitmanagement zu tun.

In einer Konversation sprach ich mit jemandem über extreme Introvertiertheit und Schüchternheit. Wenn wir schon über Hindernisse in sozialem Umgang sprechen, dann ist auch das ein großes Thema. Und diese Konversation im ganz Speziellen hat mich sehr nachdenklich gemacht und mich sehr berührt, weshalb ich mich dazu verführt finde, ein bisschen aus dem Nähkästen zu plaudern und vom eigentlichen Thema „Herzgedanken“ abzuschweifen.

Als kleines Mädchen war ich unheimlich schüchtern und introvertiert. Ich blieb am liebsten zu Hause, um mich mit Büchern oder den Katzen zu beschäftigen, und wenn Mutter mich vor die Tür brachte, dann flüchtete ich von der Rutsche, sobald andere Kinder im Anmarsch waren. Ich hatte sogar Angst davor, an einer Kasse etwas zu bezahlen, selbst wenn Dad mir das Geld bis auf den Pfennig genau abgezählt in die Hand drückte. „Wenn die Kassiererin sagt, was es kostet, dann legst du einfach das Geld hin.“ Never fucking ever! Auch bis in die Jugendjahre hinein hatte ich panische Angst davor, neue Leute kennen lernen zu müssen oder auch nur jemanden (in meinen Augen) zu belästigen, wenn ich etwas fragen wollte. Ihr könnt euch vorstellen, dass meine Schulwechsel (die es leider sehr regelmäßig gab) ziemlich schlimm für mich waren.

Erst spät, so mit 18 Jahren, bemerkte ich, dass es immer jemanden gab, mit dem ich gut war. Eine Art Instant-Connection, die selbe Wellenlänge. Frei nach „Ich bin schüchtern und zurückhaltend, bis ich mich bei dir wohlfühle und dann fängt die Party an!“.  Und das entspannte mich unheimlich (und ist auch heute noch ein wenig das Motto, auch wenn ich mir wesentlich leichter tue).

Noch viel besser wurde es während und nach der Ausbildung, wo ich natürlich dazu gezwungen war, alle zwei Monate eine neue Abteilung mit neuen Kollegen kennen zu lernen, in einer Zentrale mit zu dem Zeitpunkt 800 Mitarbeitern. Man war halt der Azubi und da kam sowieso alle zwei Monate ein Neuer davon, kein großes Ding. Auch das entspannte, das Azubi-Label war ein guter Schutzschild.

Richtig gut ist es aber erst seit der Werkstatt. Jeden Tag jemand Neues, oft auch stressige Situationen, da kann ich es mir gar nicht leisten, auch nur einen Moment unsicher zu sein und an mir selbst zu zweifeln.

Denn genau das war diese überbordende Angst: Selbstunsicherheit und Selbstzweifel. Die Angst, abgelehnt zu werden. Das Gefühl, niemandes Zeit wert zu sein. Nicht mal die der Kassiererin.

Introvertiert zu sein ist nicht schlimm. Nicht alle können verschriene Selbst-Vermarkter sein. Und das ist fucking gut so! Aber es darf nicht ausarten. Es gibt eine sehr feine Trennlinie zwischen charakterlicher Introvertiertheit und leidverursachender Introvertiertheit!

Wer beim Gedanken an eine kleine Party Herzrasen bekommt, der sollte vielleicht in sich selbst hinein horchen, warum das so ist und ggf. Hilfe suchen. Oder eben die Schocktherapie anwenden, so wie ich es gelernt habe. Es geht nicht darum, zum neuen Stern am Partyhimmel zu werden. Ich glaube nicht mal, dass das funktioniert. Aber ein gesundes soziales Netz aufzubauen, auch für Krisenzeiten, dass sollte schon möglich sein, ohne sich selbst vorher fertig zu machen und das Gefühl zu haben, man wäre das selbstsüchtigste Granaten-Arschloch auf der Welt, der das aus whatever Gründen nicht verdient hat.

Ende der Durchsage.

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8 Kommentare auf "Herzgedanken 2 und anderes"

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Glück der kleinen Dinge
Gast

Ich glaube, meine Gedanken entwickelten sich in letzter Zeit eher in die entgegengesetzte Richtung, weil ich den ganzen Tag fast ausschließlich mit meiner Arbeit verbringe und ein wenig mehr Sozialkontakte vermisse. Aber wie lernt man heutzutage noch neue Leute kennen, wenn man kaum rauskommt und quasi am Schreibtisch klebt?! Früher setzte man sich im Sandkasten dazu und fragte, ob man Freunde werden will und schon war das Eis gebrochen, und jetzt?

Jim Kopf
Gast

Wie toll du die Herzgedanken ausführlich beschrieben hast! Ich kann dir in jedem Punkt nur zustimmen. Und ich finde es sau gut dass du deinen Weg dabei so ehrlich erzählst, das ist für mich Inspiration und ein schönes Beispiel der Thematik, vor allem, wie man die Balance dabei findet, denn darauf kommt es schließlich an 🙂
btw, ich hatte versehens einen Entwurf des 18. Kapitels veröffentlicht, ist jetzt geändert 🙂

Jim Kopf
Gast

Und dein neues Blogdesign ist überragend 😉

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