Lass uns wieder frei sein

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Kannst du dich noch daran erinnern, als du ein freies Genie warst? Nein? Ich auch nicht.

Doch wir waren es, als wir noch kleine Kinder waren, du und ich. Wir waren Genies. Nichts schien uns unerreichbar, die Welt war ein wunderbares Abenteuer und wir waren geflasht von ihrer Buntheit, die wir mit unseren kleinen Händen formen konnten, scheinbar wie wir wollten. Die Welt stand uns offen und wir entdeckten jeden Tag etwas Neues, Aufregendes und wir schienen unbesiegbar. Wir fielen hin, doch unsere Energie zog uns wieder auf die Beine und trieb uns vorwärts. Vorwärts, vorwärts, vorwärts!

Doch dann… dann fassten wir auf die heiße Herdplatte und lernten, dass die Welt uns Grenzen gibt. Und wir waren ziemlich geschockt – Wie konnte uns das weh tun? Wo wir doch Mauern niederreißen mussten und alle mit unseren leuchtenden Augen mit uns nehmen! Und das Licht in unseren Augen leuchtete ein bisschen weniger hell, weil uns klar wurde, dass Grenzen niederreißen manchmal mehr weh tut, als es wert ist.

Doch das hielt uns nicht ab! Wir bestürmten unsere Eltern mit unseren Ideen: Astronauten wollten wir werden, angefahrene Katzenbabys gesund streicheln, während uns die Krokodilstränen über die Wangen liefen. Wir wollten Olympiasieger werden, die Zuschauer mit unserem Tanz verzücken, ihnen vorsingen, um sie mit unserer Freude am Leben und der Liebe in unserem Herzen hinter ihren Mauern hervorzulocken. Doch wir bemerkten schnell, dass unser Enthusiasmus nicht weit kam. Papa war müde von der Arbeit und Mama konnte unseren schiefen Gesang irgendwann auch nicht mehr hören. Und das Licht in unseren Augen leuchtete wieder ein bisschen weniger, weil wir erkannten, dass manche Mauern sogar höher sind als der Klang. Was wir nicht sahen, waren die Tränen in den Augen von Mama und Papa.

Dann kam die Schule. Welche Möglichkeiten! Wir wussten, wir werden nun langsam groß! Groß wie Mama und Papa und bald wären wir groß genug, um unsere Träume zu verwirklichen und die ganze Welt damit zu begeistern. Mama und Papa wären so stolz! „Tu das, von dem du träumst! Du wirst ganz groß!“, sagten sie immer.Und genau das würden wir tun. Die Augen leuchteten wieder und wir wussten, die Schule würde uns groß machen und wir würden alle Mauern nieder reißen, wenn wir erst einmal richtig groß wären. Stolz erzählten wir Mama und Papa, dass wir alles tun würden, um richtig groß zu werden und dann alle Mauern platt zu machen. Und sie sahen ganz komisch an, so traurig, aber gleichzeitig lächelten sie, während sie uns übers Haar strichen und uns sagten, dass wir alles werden könnten, was wir sein wollten.

Doch es kam alles ganz anders.

Zuerst sagten sie uns, unser Enthusiasmus wäre großartig, dass wir ihn unbedingt beibehalten sollten. Wir würden eine steile Karriere hinlegen, wenn wir es nur schaffen würden, ihn in die richtige Richtung zu lenken. Und wir waren ein bisschen verwirrt, weil wir aus der Schule direkt in unsere Rakete laufen würden, die uns dann zu den Sternen bringen würde. Wir brauchten doch unsere Energie, die würde uns schon die richtige Richtung zeigen, unser Herz wie ein Kompass!

Ein bisschen später sagten sie uns, unser Enthusiasmus sollte Raum machen, für die Konzentration. Ruhig auf dem Stuhl sitzen, hüpfen und tanzen könnten wir dann später während unserer 20 Minuten Pause und natürlich nach der Schule. Wir fanden das anstrengend und sehr verwirrend, weil, wie sollten wir Mauern nieder machen, wenn wir in unseren Stühlen saßen? Aber irgendwann wurde uns klar, die Lehrer hatten natürlich recht und um unsere Träume zu verwirklichen, bräuchten wir nur Konzentration, dann ging das auch vom Stuhl aus. Und wir bemerkten nicht, dass unsere Augen wieder ein bisschen weniger leuchteten.

Irgendwann kam uns der Gedanke an unsere Rakete. Du weißt schon, die, die uns zu den Sternen bringen sollte. Wir lächelten kurz, unser Enthusiasmus erleuchtete für einen Moment unser Herz und wir zeichneten Raketen und Sterne zwischen unsere Mathehausaufgaben, die uns sofort wieder in Beschlag nahmen. Konzentration, kein Enthusiasmus. Ruhig sitzen, nicht im Stuhl hibbeln. Die Rakete konnte warten, erst mussten die Hausaufgaben fertig werden. Wir waren ein bisschen genervt, aber was sein muss, muss eben sein. Wer später nicht Mülltonnen leeren will, der muss sich konzentrieren und die Anforderungen erfüllen. Und wer in unsere Augen sah, der sah… Angst.

Und so geschah es, dass wir nicht mehr von dem träumten, was wir alles sein könnten, sondern wir bekamen Angst vor dem, was wir nicht sein sollten. 

Wir wurden indoktriniert. Vereinheitlicht. Herdenkompatibel. Austauschbar mit beinahe jedem anderen Herdentier. Ohne das wir es bemerkt haben, haben wir unsere Träume, unsere Energie, unseren Enthusiasmus begraben und sind hinter die Mauern gegangen, die wir einmal sprengen wollten. Und so unwohl fühlen wir uns da gar nicht. Wäre da nicht die Erinnerung an das Leuchten in uns, das freudige Pochen, das uns einmal fast platzen ließ, vor Tatendrang und die Frage „War es das jetzt?“, die irgendwie in unserem Kopf ist, obwohl wir nicht wissen, wie sie da hin kommt.

Doch das muss nicht sein! Lass uns rebellieren, gemeinsam! Lass unsere Herzen sich gegenseitig mit der Liebe zum Leben anstecken und wie ein Leuchtfeuer nach außen tragen, damit die Anderen uns sehen und sich uns anschließen!

„Manche Leute haben so viel Licht im Herzen, dass man es sogar von außen sehen kann.“ – Luisa

Lass uns diese Leute sein, lass uns wieder Genies sein, lass uns wieder frei sein.

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15 Kommentare auf "Lass uns wieder frei sein"

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Anny Page
Gast

Was bringt dich zum Leuchten 😍

moteens
Gast

Ein wirklich toller Beitrag! Irgendwie habe ich gleich die Kinderlieder von Rolf Zuckowski im Ohr gehabt. Er hat auch oft darüber gesungen, dass Kinder immer groß sein wollen und dass Erwachsene sich manchmal wünschen wieder ein Kind zu sein. 🙂

Jim Kopf
Gast

„Und so geschah es, dass wir nicht mehr von dem träumten, was wir alles sein könnten, sondern wir bekamen Angst vor dem, was wir nicht sein sollten.“
Was für ein toller Satz, der hat mir glatt eine Gänsehaut verpasst, weil es einfach so wahr ist und gleichzeitig so furchtbar schade. Da geht dein Appell absolut in die richtige Richtung! Danke Luisa!

Beat(e)s Welten
Gast

Was für ein Plädoyer fürs Leben! Schöner, kraftvoller Text voll lebendiger Sehsucht. Solange diese lebt gibt es immer Hoffnung 🙂

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