Matsche im Hirn und keine Bücherliebe

Es wurde nun mehrfach gefragt, weshalb es solange keine Bücherliebe mehr gegeben hat, wo ich doch so viel lese.

Huff, da ist schon was dran. Allerdings lese ich im Moment nichts, was hierher in die Bücherliebe passen würde. Aktuell ist die Buchreihe „Victor the Assassin“ von Tom Wood, auch wenn das nicht lange vorhalten sollte, weil ich die echt fressen muss. Mir graut vor den letzten Seiten und der Gewissheit, dann ewig auf den nächsten Teil warten zu müssen.

bookpower

Ansonsten liegen auf meinem Schreibtisch die Bücher „Medizin für Heilpraktiker“ (2000 Seiten, ächz), die „Einführung in Biochemie“ und „Basics Immunologie“ sowie „Basics Histologie“.

Es ist ein klitze-kleines bisschen so:

allthembooks
Eigentlich ist es ganz genau so

„Du kannst niemals so viel lesen!“ – „Chchchch, hast du ne Ahnung! Riech mal dran – so riecht WISSEN!“

Dazwischen sehe ich mir noch Lehrvideos auf YouTube an. Ich liebe Crash Course. Die Videos sind toll gemacht, haben viel Humor und der Bruder von John Green ist ziemlich genauso cool wie John Green selbst.

Trotzdem habe ich öfters das Gefühl, dass mir die Infos zu den Ohren wieder raus kommen. Es läuft unglaublich zäh, was total nervt.

Und weil ich in echt hier schon wieder prokrastiniere, erzähle ich euch jetzt auch, warum das so ist. Heh.

Zwar habe ich einen Anatomie-Atlas, aber ich tue mir wahnsinnig schwer, mir zum Beispiel die Organe des Bauchraumes in ihrer Schichtung und den Positionen zu veranschaulichen. Leider kann ich mich nicht kurz aufklappen und mal rein schauen, wie das denn so ist.

So hocke ich dann da und weiß, wie die Milz aufgebaut ist, aber nicht, wo sie denn eigentlich im großen Ganzen zu finden ist. Manchmal muss der Mann herhalten, dann pieke ich an ihm rum und versuche mir vorzustellen, wie da sein Magen unter meinem Finger vor sich hin gurgelt. Das nervt ihn und er will es so genau eigentlich gar nicht wissen. Überhaupt ist es erstaunlich, wie viele Leute das gar nicht so genau wissen wollen.

Vor zwei Wochen sah ich auf YouTube ein Video (hier der Link, für die ganz Harten), wo vor der Plastination an einem echten Kopf die ganzen Nerven, Drüsen und so weiter erklärt werden. Ohne Blut ist das ja alles eher grau und gummig und vielleicht ein bisschen matschig. Auf den ersten Blick sah es aus wie Silikonröhrchen, wo mit der Pinzette rumgezupft wurde. Yabba, yabba, yabba. Ich muss da ja eher lachen, wenn das so labbert, weil ich es herrlich selbstironisch finde, wenn so viele Menschen so sehr auf ihr Äußeres achten und dann doch einfach genauso labberig und matschig sind, wie wir anderen auch alle.

Jedenfalls: der Mann kapierte eigentlich gar nichts, die lateinischen Fachbegriffe waren irgendwie nur Hintergrundrauschen (der Blick aber so „aha, aha, so ist das!“). Erst als die Pinzette dann auf dem „Nervus opticus“ herumdrückte, die Kamera einen Schwenk machte und der Augapfel mit Haut drum rum in Sicht kam, wurde er plötzlich sehr blass, krallte sich an der Tischkante fest und drohte damit, alle Systeme herunterzufahren, sollte er nicht sofort Cola bekommen. Was wir natürlich nicht im Haus hatten.

Meine Empathie reicht nicht soweit, als das ich so eine Reaktion nachvollziehen könnte. Ich fragte ihn also: „Stehst du nie vor dem Spiegel und stellst dir vor, wie du ohne Haut und Haare aussehen würdest?“ „WTF? Neeeein! Warum sollte ich? Machst du das?“

Natürlich mache ich das.

Schönheit ist eben wirklich nur so tief wie die Haut dick und der Herzschlag bedeutet doch mehr, als nur dumpfes Wummern im Brustkorb, damit der Partner romantisch lauschen kann.

In einem Interview welches mit der Kuratorin der Körperweltenausstellung geführt wurde, berichtete sie davon, dass die Reaktionen auf die plastinierten Leichen sehr unterschiedlich ausfallen. Viele sind einfach nur fasziniert, in der Erkenntnis, dass auch ihr Körper aus Organen besteht, die durch Blutbahnen, Bindegewebe und Fett miteinander verbunden sind. Eine Raucherlunge wirklich einmal sehen zu können, das ist schon was anderes, als immer nur die Warnungen zu hören. Viele andere stehen aber auch am Rande eines Nervenzusammenbruchs, eben wegen der Erkenntnis, de facto aus Knochen und Gewebe zu bestehen und dass es in ihnen drinnen matschig und schleimig ist. Sie sind angewidert von der Realität ihres Körpers. Es hat etwas ironisches, dass ausgerechnet das wohl geleeartigste Organ, das Gehirn, von seinen Co-Organen angeekelt sein soll. Ich meine, ganz ehrlich, den Mr. oder Mrs. Organ Universe würde es wohl nicht gewinnen.

Sich vorzustellen, wie das Herz Blut durch die Adern pumpt, der Darm Nahrungsbrei transportiert, das ist etwas, das auch den absoluten höchsten Überflieger wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holt.

Werde das wohl mal berücksichtigen, wenn so ein super gscheiter Kunde vor mir steht.

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6 Kommentare auf "Matsche im Hirn und keine Bücherliebe"

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toe
Gast

Also mir taugt es nicht, wenn ich sowas in Filmen seh, aber es ist auch eine buddhistische Praxis, sich all dem Gematsche, Gerinne und Gebein bewusst zu werden um die Anhaftung an Äußerlichkeiten und dem ‚eigenen‘ Körper zu relativieren oder zu beenden. Sowas kann sich zu einer Grenzerfahrung aufschaukeln, aber wenn der emotionale Sturm sich legt, ist es eine sehr kostbare Erfahrung. Jeder trägt seinen Organsack mit sich rum, mit allen möglichen Flüssigkeiten und auch Fäkalien, permanent, jeder. Gschmackig aber wahr.
MfG toe

Anny Page
Gast

ich kann sowas auch nicht schauen…hatten mal nur eine Knie-Op im Unterricht und mir wird schlecht haha ….in Filmen ist das jetzt nicht so krass….aber wenn ich weiß: ECHT!…..Nope! Und nein auch ich habe mir nicht vorstellt wie ich so ohne Haut aussehe 😉

Anny Page
Gast

Ich finde aber voll toll, dass du daran Interesse hast und dich weiter bildest :)..und wenn ich dann Fragen hab ;)…. ich weiß ja wo ich dich finde 🙂

terencehorn
Gast

Wäre jetzt nichts für mich, aber falls du was über Grusel, Gothic etc. erfahren willst, empfehle ich dir den aktuellen Beitrag zum „Gottverdammten Montag“ Prinz Prospero ist am Start und ein Meister mit Edgar Allen Poe und dem phantastischen Film
http://terencehorn.com/2016/04/04/an-jedem-gottverdammten-montag-der-phantastische-dichter-prinz-prospero-mit-unveroeffentlichten-gedichten/

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