Schreinächte – Pavor Nocturnus für Oldies

pavor

aus der Broschüre der DGSM: klick mich

Pavor Nocturnus ist ätzend.

Es geht das Gerücht um, nur kleine Kinder bis zu sechs Jahren würden an Pavor Nocturnus leiden. Duh, ja, rechnet mal noch 21 Jahre [sic!] drauf und ich schreie euch Nachts fröhlich etwas ins Ohr. Bei Erwachsenen manifestiert sich der Pavor in der Regel zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr und verläuft chronisch in Episoden. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass ein verschwindend geringer Anteil an Erwachsenen darunter leidet. Als Grund dafür wird unter anderem eine hohe Stressbelastung angesehen. Na, da hab ich mir ja wieder eine Sonderauszeichnung geholt.

Mit Spinnen fing es an. Vier Jahre ungefähr ist das jetzt her. Ich wohne im Erdgeschoss und regelmäßig sitzt in der Ecke an der Schlafzimmerdecke eine Spinne. Eigentlich habe ich nicht direkt Angst vor Spinnen, aber seitdem ich einmal in einer Zeitschrift gelesen habe, dass man in einem Menschenleben durchschnittlich 20 Spinnen isst, weil sie in den Mund krabbeln, sind Spinnen im Schlafzimmer absolut unerwünscht mit Todesstrafe. Im Badezimmer oder Wohnzimmer können sie gerne sitzen, aber nicht über meinem Bett. 

Ich wachte also auf, schreiend, schwitzend, der Puls raste. In meiner Panik machte ich sofort das Licht an und sprang aus dem Bett. Hektisch versuchte ich, die vermeintlichen Krabbler von mir weg zu wischen, weil es am ganzen Körper kribbelte. Nur, dass da nichts war. Als ich das realisierte, legte ich mich wieder hin und schlief weiter. Mein Mann nicht. Am nächsten Morgen wusste ich noch, dass etwas schreckliches mit Spinnen passiert war, sonst nichts. Das Männchen half mit den restlichen Infos aus. Wir beschlossen, dass das eine einmalige Sache war.

Kurz darauf träumte ich, ich säße auf einem umgegrabenen Acker an einem Waldrand. Um mich herum waren Leute die ich von der Statur und der Haarfarbe her nicht erkannte, aber ich wusste, das waren eigentlich Freunde. Plötzlich fingen diese Freunde an, von irgendwoher Katzenbabys zu nehmen, nur um sie anzuzünden und so weit wie möglich über diesen Acker zu werfen. Ich hörte die jämmerlichen Schreie der Babys, konnte aber nichts tun, sah nur in Terror zu. Ich weiß noch, dass ich in diesem Traum meine rote Jacke vom roten Kreuz anhatte. Das machte es irgendwie noch viel schlimmer. Wieder wachte ich schreiend auf, setzte mich im Bett auf. Wieder füllte das Männchen meine Wissenslücken am nächsten Morgen auf. Scheinbar war ich wie von einer Tarantel gestochen aus dem Bett gesprungen und hatte panisch „Binsi, Binsi!“ geschrien, bis ich unsere Katze endlich im Arm hatte. Sobald sie zu schnurren anfing nahm ich sie mit ins Bett und schlief mit ihr zusammen wieder friedlich ein. Nur das Männchen nicht.

Danach kamen wieder die Spinnen. Je schlimmer die Depression wurde, je überforderter ich war und je weniger ich mit mir selbst umgehen konnte, umso häufiger kamen diese Schlafstörungen. Es gab Wochen, in denen ich jede Nacht schrie. Besser wurde es erst, als ich beim Psychologen war und Antidepressiva bekam.

Vier Jahre war jetzt Ruhe, nur damit es mich gestern Nacht wieder kalt erwischt.

Die Spinnen sind wieder da. Diesmal nur eine Einzelne, die dafür umso größer war. Sie war ungefähr fünf Zentimeter groß und schien aus schwarz schimmernden kleinen Perlen zu bestehen. Diese kleinen Roccailles. Das Schlimmste war/ist der Realismus dieser Träume. Es ist wie eine Halluzination wenn man wach ist. Vielleicht sollte ich mal beim Arzt fragen, ob Pavor Nocturnus mit offenen Augen, aber schlafend, stattfindet. Der Hintergrund, die Farben, alles stimmt. Die Spinne saß auf meiner blauen Fleecedecke, die ich zusammengeknüllt auch als Kopfkissen benutze. Sie schimmerte im Licht von den Straßenlaternen und sah mich an, um dann mit einem plötzlichen Satz auf mein Gesicht zu springen. Wer schreit da nicht? Der Puls war schnell wieder unten und ich eingeschlafen, aber der Schock sitzt tief. Ja, Pavor Nocturnus ist chronisch, aber eigentlich hatte ich das ganz gut im Griff.

Auslöser war eine heftige telefonische Konfrontation mit einer Kundin, die mich volle Breitseite unerwartet getroffen hat. Ich schätze, ich war die letzten Wochen ein wenig verwöhnt. Kunden haben ohne zu Murren und ohne zu Meckern ihre Rechnungen bezahlt. Es gab keine halbstündigen Diskussionen, kein gefährliches Halbwissen aus Google (ehrlich, Krankheiten und Autos sollte man nicht googeln. Egal wie, du hast Krebs und dein Auto einen Motorschaden), keine Erpressungsversuche. Das konnte nicht lange gut gehen. Schließlich muss man jetzt in Urlaub fahren und überhaupt bin ja ich schuld, dass das Auto einfach ein alter Scheisshaufen ist, der dauernd kaputt geht. Wie kann ich mir erdreisten, das Urlaubsgeld zu beschlagnahmen. Das kommt ja Diebstahl gleich!

Manche Leute machen einen kaputt. Weil sie selbst kaputt sind. Und so viel Verständnis ich auch habe, und so Leid es mir tut, meine geistige Gesundheit opfere ich nicht mehr, nur damit Andere sich wohl fühlen. Mein Bruder/Chef fragte mich heute früh, ob er mir etwas aus dem Baumarkt mitbringen kann, nachdem wir gerade über den Vorfall gestern gesprochen hatten. Ich denke, er dachte spaßeshalber eher an Hundeknochen. Ich antwortete: „Eine Axt.“, ohne darüber nachzudenken. Wir haben darüber gelacht, aber meinem Psychologen würde es vermutlich die Haare aufstellen.

Natürlich werde ich keine Axtkillerin. Statt dessen werde ich mich jetzt in Ruhe hinsetzen und reflektieren, was an diesem Gespräch gestern mich so aus der Bahn geworfen hat. „Du bist nie aus dem Grund wütend, aus dem du denkst.“ Die Wahrheit liegt vermutlich eher in dem Bereich, dass ich selbst früher genauso hysterisch auf Vorwürfe und Überforderung reagiert habe, wie sie und das hat unangenehme Erinnerungen getriggert. Ich habe mein ungeliebtes altes Selbst wieder gesehen und bin heimlich in Panik verfallen. Und von dieser Ansicht ist es zur Vergebung nicht weit. Für sie und für mich selbst.

Eigentlich hatte ich für heute einen anderen Beitrag geplant. „Vom Unbewussten zum Bewussten“. Den veröffentliche ich dann morgen oder am Samstag.

xoxo

Luisa

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2 Kommentare auf "Schreinächte – Pavor Nocturnus für Oldies"

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Glück der kleinen Dinge
Gast

Und ich dachte, meine Träume wären abgefahren…. Möge heute Nacht eine ruhigere Nacht auf dich warten und anschließend ein erholsamer Morgen! Ich habe übrigens mal gehört, dass das mit den Krabbelviechern gar nicht stimme, sprich, sie kriechen wohl überhaupt nicht nachts in unseren Mund.
So oder so, halte noch einen Tag durch und dann kannst du dich richtig ausschlafen. Kaffee?! 😉

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