Warme Wald Filterbubble

Ich hätte losziehen sollen. Sämtliche meiner Schrauberherren in das größte Auto pressen, welches auf dem Hof steht und das Ende des Regenbogens suchen.

Haben wir natürlich nicht gemacht, wir Lappen. Standen nur alle in einer Reihe, wie die Orgelpfeifen und haben den Regenbogen angeglotzt, aber nichts gemacht. Und es wurde eine Katastrophe, der ganze Tag.

Es war der Wahnsinn in reinster Form und es dauerte nicht lange, da hoffte ich, dass das Stechen unter der linken Rippe wirklich nur ein verschobener Wirbel war und nicht meine Pumpe, die ihren Dienst quittierte. Meine letzten heftigen Migräneanfälle waren nun schon ein bisschen her, aber am Freitag war ich voll dabei: die ganze rechte Gesichtshälfte schmerzte heftig, ich hatte das Gefühl, dass meine Zähne nur noch ganz locker im Kiefer hingen, was unbewusst zu viel Zähneknirschen führte, was natürlich alles nur noch schlimmer machte. Ich war ein rotierendes Nervenbündel und egal welchen Trick aus meiner Kiste ich versuchte, es half alles nichts.

Als mich am Abend der Mann abholte, hing ich ziemlich kaputt in den Seilen. Sehstörungen blinkten vor den Augen und Freitags um halb sieben ist nun mal kein Physio mehr zur Hand. Ein bisschen selbst einrenken brachte dann aber schnell Linderung und ließ zumindest den pochenden Kopfschmerz soweit zurück gehen, dass ich etwas essen konnte. Als wir nach Hause fuhren, fühlte sich das leise Wummern vom Golf-Motor und das weiche Fahrwerk einfach wunderbar an. Wie die Kutsche, die ein Auto eigentlich ein soll. Ich liebe dieses Auto. Ich sagte: „Lass uns eine Spritztour machen? Der Tank ist voll!“ Und der Mann sagte: „Wohin darfs gehen?“ Und ich überlegte kurz und antwortete: „In den Höfelmayr-Wald!“

Der Mann, meine olle geliebte Landpomeranze, wusste nicht, was das ist. Der Höfelmayr-Wald ist so etwas wie der Stadtwald von Kempten. Es gibt dort einen uralten Naturlehrpfad und ich glaube, das letzte Mal als ich dort war, das war so ungefähr 17 Jahre her. Mit meinen Eltern und Geschwistern war ich als Kleinkind oft dort, beim Picknicken mit Hähnchenschenkeln (om nom nom). Irgendwann fuhr man nicht mehr hin, sondern ging ins Freibad. Und nun fiel er mir wieder ein, der Wald. Der Gedanke, mich mit meinem hämmernden Schädel und so deprimiert ins Bett zu legen und den Tag so abzuschließen konnte ich einfach nicht ertragen.

So, und hier klickt ihr jetzt bitte auf einen dieser Links, um die wundervolle Stimme von Zella Day zu hören und damit habt ihr direkt den Soundtrack zu diesem Abend. =) Auch wenn Werbung dabei ist, Zellas Stimme ist es wert, ehrlich!

Zella Day – Hypnotic auf Vevo

Zella Day – High auf Vevo

Der Plan sah vor, hier direkt die YouTube Videos einzufügen. Well, fuck GEMA, vielen dank dafür, dass nichts funktioniert. Vevo funktioniert, leider mag WordPress noch keine iFrames auf Basis von HTML 5, das heißt, direktes Einbetten funktioniert leider nur schwer bzw. über ein PlugIn, welches ich natürlich nicht habe. Me so sorry… =(

Zurück in den Wald.

Natürlich war alles ganz anders, als wie in meiner Erinnerung. Die Wege sind anders angelegt, ein paar gut gefüllte Bienenstöcke als Waldbewohner dazu gekommen. Nur der Denkmalstein ist noch genau an der selben Stelle, wie seit 100 Jahren und die Wege kamen mir vage bekannt vor, auch wenn alles sich furchtbar falsch anfühlte. Wie wenn man alle Möbel um fünf Zentimeter verrückt und sich nicht mehr auskennt.

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So ein iPhone hat einen erstaunlich guten Restlichtverstärker

Nur eines war gleich geblieben: die allumfassende Stille. Es war schon kurz vor halb acht, und es wurde dunkel, niemand außer uns war mehr unterwegs.

Keine Autos mehr von der Hauptstraße, die am Wald vorbei führt, kein dumpfes Brummen von irgendwelchen Motoren aus der Käserei gegenüber und noch viel wichtiger: keine Schlagschrauber, keine nörgelnden Kollegen, keine Kunden, die so schlecht Deutsch sprechen, dass ich kaum verstehe was sie überhaupt haben wollen und was einfach nur unglaublich anstrengend ist, so nett sie auch sein mögen. Es regnete ein bisschen, was im Wald aber auch nicht schlimm war und in meinem dicken Hoodie war ich gut eingepackt, gegen die abendliche Kühle.

Während ich uns langsam durch den Wald navigierte, wurden auch der Mann und ich ganz ruhig. Es dauerte vielleicht 10 Minuten, dann war mein Kopfschmerz verschwunden, die Rippen zwickten nicht mehr und meine Schultern sanken erleichtert nach unten. Obwohl es nicht wärmer als 9 oder 10 Grad war, fühlten wir uns doch nicht kalt, sondern wie in einer leisen warmen Blase, die alles um uns herum filterte und nur angenehme Ruhe und Entspannung durch ließ.

In meinem Kopf hatte ich von vor 17 Jahren noch das Bild eines kleinen Unterstandes am Rande der familiären Picknickwiese. Die Navigation funktionierte noch so weit, dass ich bis zur Wiese fand, dort schlugen wir uns dann am Waldrand im Gebüsch durch. Den Unterstand gibt es leider nicht mehr, dafür noch eine Bank und einen Tisch. Mein Plan war, ein bisschen dort zu sitzen und einfach den Herrgott einen guten Mann sein zu lassen, aber dafür war es außerhalb der Bäume dann doch ein bisschen sehr frisch und zugig. Außerdem wurde es jetzt deutlich dunkel und meine Sorge, im nächtlichen Wald nicht mehr zum Parkplatz zu finden, war nach 17 Jahren wohl auch nicht ganz unbegründet.

Für eine Zigarettenlänge saß ich da, überlegte, dass der Ausblick noch genau der Gleiche wie vor 17 Jahren ist und dass ich meinen Bruder überhaupt nicht darum beneide, jetzt in Ägypten am Strand zu liegen, solange ich diesen Ort habe, der meine Heimat ist und der mich so zufrieden sein lässt.

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Auf dem Rückweg wollte ich eines dieser Fotos im Gegenlicht machen. Naja, so viel Restlichtverstärker sitzt dann doch nicht im Handy. ^^

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Sooo dunkel war es schon

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Der Weg zum Bubble-Wald

Mit vereinten Handy-Taschenlampen schafften wir es dann ganz gut bis zum beleuchteten Parkplatz, wo wir immer noch in unsere Filterbubble eingehüllt ins Auto stiegen, ohne dass sich einer von uns in der vom Regen aufgeweichten Wiese auf den Hintern gesetzt hätte.

Zella Day sang uns aus den Lautsprechern Hypnotic und High vor und plötzlich war der stressige Tag ganz weit weg und eigentlich gar nicht mehr so schlimm.

Zu Hause angekommen, blieben wir noch im Auto sitzen, einfach so, während die Musik auslief. „War eine gute Idee, da hin zu fahren“, meinte das Männchen später, als wir high und müde von der frischen Luft auf dem Sofa lagen.

Manchmal liegt das Paradies eben einfach nur fünf Minuten außerhalb der Stadt.

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3 Kommentare auf "Warme Wald Filterbubble"

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Anny Page
Gast

Da hast du wirklich sowas von recht…man muss öfter auf diese pochende Stimme hören die uns einen Ausgleich verschafft…sehr gut…ich freue mich auch wieder in den Wald zu fahren..unbezahlbar …ein Kurzurlaub für die Seele…und danke für die Musik..ich muss gestehen..ich kannte sie nicht 🙈🙈🙈🙈 sehr geil!Macht voll Laune ….thx

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